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„Tod und Leben aus den Fängen des Tabus befreien“

Ein Interview mit dem Poeten Paul Fülöp
Pantomime in der Einsegnungshalle des Westfriedhofs
Pantomime in der Einsegnungshalle des Westfriedhofs

Seit 15 Jahren setzt sich Paul Fülöp in seiner Poesie mit Gedanken zum Leben und der Vergänglichkeit auseinander. Er trägt sie auf den städtischen Friedhöfen Innsbrucks vor. Im Rahmen von poetischen Veranstaltungen und Abend-Wanderlesungen befreit der Künstler „Tod“ und „Leben“ aus den Fängen des Tabus. 

Wie sehen Sie das Verhältnis von Tod, Vergänglichkeit und Leben?

In der Natur gibt es keine Trennwände, so auch keine zwischen Leben und Tod. 
In jedem Leben ist Vergänglichkeit in Umarmung mit Tod gegenwärtig und wirksam. Es sei jedoch gleich festgestellt, dass Vergänglichkeit nicht auf den Tod reduzierbar ist, gleichwohl sie in dialektischem Diskurs stehen und sich gegenseitig bedingen.
Vergänglichkeit zeigt sich auch als Zwischenstufe in der Entwicklung zu neuen Dimensionen. 

Was bewirkt die Tabuisierung des Todes Ihrer Meinung nach?

Inwiefern beschäftigen Sie sich damit?

Der Tod ist nach wie vor ein hartnäckig aufrecht gehaltenes Tabu – das heißt, dass er überwiegend mit Angst besetzt ist. Er wird daher mit allen Mitteln weggeschoben, verdrängt und letzten Endes in tiefes Schweigen gehüllt. In der Weise und Vehemenz jedoch, wie Tod tabuisiert wird, wird auch das Leben tabuisiert – und alles, was mit Leben unmittelbar in Beziehung steht: Gefühle, Toleranz, Verständigung, Einsamkeit, Trauer, Glaube, Hoffnung und Liebe etc.
An diesem Schnittpunkt vom „Tabu des Todes“ und „Tabu des Lebens“ setze ich mein poetisches Bemühen an, Tod und Leben aus den Fängen des Tabus zu befreien und diese beiden so essentiellen Phänomene unseres Daseins als Einheit erlebbar und fühlbar werden zu lassen. 

Wie sehen Ihre poetischen Bemühungen genau aus?

Vor 15 Jahren begann ich am „Ort des Geschehens“ – den städtischen Friedhöfen Innsbrucks – poetische Veranstaltungen und feuerszenisch aufbereitete Abend-Wanderlesungen mit Musik und Bewegungskunst (Pantomime/Kunsttanz) zu gestalten. Anfangs fanden sie sechsmal, später dann dreimal jährlich statt.
Bei den Abend-Wanderlesungen im Sommer auf dem Mühlauer Friedhof wirken oftmals auch religiöse Gemeinschaften mit – Beispiele dafür sind etwa Buddhismus, Jüdische Kultusgemeinde, Mormonen, Zeugen Jehovas, Muslime, Bahai, Christen.
Außerdem halte ich Grabreden – poetisch, sensibel aufbereitet bis fein, humorvoll erzählte Begebenheiten aus der Lebensgeschichte der Verstorbenen. Das Nichtsagbare kleide ich in symbolische Metaphern. 

Wie kamen Sie auf diese Idee der künstlerischen Darbietung auf Friedhöfen?

Sie entstand spontan, zumal ich schon Jahre zuvor viele Textdialoge direkt auf Friedhöfen schrieb – bei jedem Wetter, bei Tag und auch bei Nacht. Ich schrieb „Selbstdialoge“ mit den Verstorbenen, angetrieben durch die brennende Frage: „Seid ihr mit uns in Beziehung, und wenn ja, dann wie?“ Darauf bekam ich Antworten, die mich in die Stille des Friedens führten, in das Glück der ahnenden Erkenntnis über „Werden, Sein und Leben“, und über das gegenseitig verständnisvolle menschliche Zusammensein auf Erden.
Erst in der Akzeptanz, in der Annahme unserer Vergänglichkeit, in der bewussten Begegnung mit Zeitlichkeit und Tod können wir Glück und Freude unseres Lebens erfahren. Zudem können wir über die Verschiedenheit und Vielfalt anderer Menschen und Kulturen in erkennendes Staunen geraten und Frieden in Freiheit erfüllen.

Überblick über die literarischen Tätigkeiten von Paul Fülöp

Im Jahr 1983 fand Fülöps erste Lesung statt. Es folgten Aufführungen in verschiedenen Kaffeehäusern, Kolpinghäusern und Kirchen. Auftritte bei Weihnachts-, Geburtstagsfeiern und Hochzeiten fallen ebenso in seinen Wirkungsbereich wie das Verfassen von Gedichten für Ausstellungen und jahrelange Aufführungen mit Musik und Pantomime im früheren Kulturgasthaus Bierstindl. Seit zehn Jahren gestaltet er Poesieabende mit Musik und Spezialgästen aus künstlerischen Bereichen in Caruso`s Theatercafé (Universitätsstraße 3).
Bisher sind zwei Bücher von ihm erschienen:
-       „Abschied und Ankunft im Licht der Begegnung“ (Universitätsverlag Studia, 2011)
-       „So sprach der Mensch“ (SoralPRO Verlag, 2017)
Näheres dazu: www.poesiemosaik.at      

Lebenslauf des Künstlers

Geboren wurde Paul Fülöp in Bischofshofen in Salzburg. Er studierte Psychologie, Pädagogik und Philosophie an der Universität Innsbruck und promovierte in Psychologie mit der Dissertationsarbeit „Todesbilder als Orientierungshilfe zur Lebensbewältigung“. Er erhielt eine Ausbildung in Gesang, Tanz, Schauspiel und Sprechkunst. Fülöp war jahrelang als Schauspieler und Sänger im Extrachor des Landestheaters Innsbruck tätig.