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Westbahnhof, 1919
Westbahnhof, 1919

Innsbruck vor 100 Jahren - Juni 1919

aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck von Angelika Kollmann-Rozin

3. Juni 1919
Die Geschichte einer Brosche. Bei einem vor mehreren Wochen in einer Wohnung am Pfarrplatz hier vollführten Einbruchsdiebstahle ist unter anderem auch eine Brosche gestohlen worden, eine ganz hübsche Brosche in Muschelform. Jüngst entdeckte die rechtmäßige Besitzerin des Schmuckes diesen in dem Auslagefenster des Uhrmachers Rainer in der Museumsstraße hier. Ihre Nachfrage hatte zwar nicht das gewünschte Ergebnis, auf die Spur des Diebes zu kommen, wohl aber offenbarte sich ein ganz interessanter Fall von Kettenhandel mit solchen Dingen, wie eine bescheidene, einfache Brosche. Der Uhrmacher Rainer hatte den Schmuck von Uhrmacher Josef Hampl gekauft, diesem brachte die Brosche ein Amtsdiener der Finanz-Landes-Direktion, dessen Name ebenfalls schon ermittelt ist, der Amtsdiener hatte sie beim Trödler Sulzberger in der Riesengasse gekauft, von hier aber führte die Spur nicht mehr weiter. Sulzberger wusste nur, daß er den Schmuck von einem
jungen Fräulein um die Bagatelle von 5 Kronen erworben hatte, vor mehreren Wochen schon. In der Riesengasse kostete die Brosche 5 Kronen, bis sie in die Museumsstraße kam, verlangte man 100 Kronen. So geht es auch mit Lebensmitteln und anderen Dingen.

6. Juni 1919
Vom Flüchtlingskomitee Cafe „Philippine Welser“ wird uns mitgeteilt: Die in Innsbruck und Umgebung wohnhaften Flüchtlinge aus Südtirol werden dringend aufgefordert, sich umgehend beim Flüchtlingskomitee zu melden, weil es ausdrücklicher Wunsch des italienischen Militärkommandos ist, daß dieselben mit dem nächstens, zirka am 20. ds. Mts., von hier abfahrenden Flüchtlingszug heimbefördert werden.

Ein Gasballon steigt am Platz vor dem alten Gaswerk in Pradl auf.
Ein Gasballon steigt am Platz vor dem alten Gaswerk in Pradl auf.

11. Juni 1919
Elektrisch geladene Bäume. Ein Leser unseres Blattes schreibt uns: Als ich gestern abends bei der Trambahnhaltestelle in der Saggengasse (unweit der Handelsakademie) vor dem Gewitterregen unter einem Baume Schutz suchte, wurde ich plötzlich mit einem sehr starken Stoß zirka drei Meter weit gegen den Bürgersteig geschleudert; als ich wieder zu mir gekommen war, erzählten mir die Umstehenden, daß ich wahrscheinlich dem Stamme des mich schützenden Baumes zu nahe gekommen sei. Es stellte sich nämlich heraus, daß die Bügel der dort haltenden Trambahnwagen sehr weit in die dort befindlichen Alleebäume hineinragen, so daß diese, besonders bei Regen, stark mit elektrischer Kraft aus der Oberleitung geladen werden. Wahrscheinlich nur dem Zufall, daß ich gerade Schuhe mit Gummiabsätzen trug, ist es zuzuschreiben, daß dieser Unfall nicht von größeren Folgen begleitet war. Es wäre für die Straßenbahn-Unternehmung von größtem Interesse, dieses ungeheure Gefahrenmoment sofort abzustellen.

12. Juni 1919
Die letzte Schaffnerin. Die während des Krieges zur Dienstleistung als Schaffnerinnen verwendeten Frauen sind nun wieder zu ihren früheren Berufen zurückgekehrt, der Abbau der Schaffnerinnen bei der Lokalbahn ist in den letzten Tagen ein vollständiger geworden. Einige besonders verwendbare Frauen sind bekanntlich auch, mit mehr oder weniger gutem Erfolge als Motorführerin verwendet worden. Die Schaffnerin war eine der Kriegserscheinungen, die ebenso wie andere Not-Einrichtungen mit der Zeit vorübergehen mußte. Staats- und Südbahn haben den Abbau des Schaffnerinnenwesens schon lange durchgeführt.

23. Juni 1919
Die Fleischkarten-Ausgabe. Man schreibt uns: Letzthin hatten die vielgeplagten Innsbrucker Frauen wieder einmal Gelegenheit, ihre oft mißbrauchte Geduld im Anstehen zu üben. Diesmal war es die Fleischkartenausgabe. Zwei bis dreimal mußte man sich anstellen, stundenlang, um endlich anzukommen, obwohl acht Fräuleins in jener Kanzlei „amtieren“. Dabei sind diese Damen höchst schnippisch, unfreundlich und langsam, als ob wir Frauen nur ihretwegen da wären. Warum diese Quälerei?
Weshalb werden die Fleischkarten wie in anderen Städten, nicht auch in der Lebensmittelkartenausgabenstelle verabfolgt?

Schlacht- und Viehhof in Dreiheiligen
Schlacht- und Viehhof in Dreiheiligen

25. Juni 1919
Die amerikanische Kinderhilfsaktion. Gestern begann in den Schulen Innsbrucks die Ausspeisung der Kinder aus der amerikanischen Hilfsaktion für die deutschösterreichischen Kinder. Zu Ende des Unterrichtes wurden die Kinder gruppenweise zu der im Schulgebäude untergebrachten Küche geführt; sie erhielten dort in einem von den Kindern mitgebrachten Gefäß mit Kondensmilch hergestellten Kakao und ein Stück Brot, was den Kindern außerordentlich mundete. Jedenfalls kann gesagt werden, daß diese Zubuße, die wochenweise abwechseln soll, für die Kinder außerordentlich ergiebig zu sein scheint.

25. Juni 1919
Diebstahl im Gütermagazin Westbahnhof. Aus einer Sendung Eispickel, die der Agent Nagele hier aufgegeben hatte und die am Westbahnhofe Innsbruck-Wilten im Gütermagazine lagerten, hatten sich Liebhaber einige Stück herausgenommen. Es gibt nun bald keine Warengattung mehr, die bei den Dieben nicht Gefallen fände.